Die Grenzen zwischen der “echten” Welt und der Welt des IRCs verschwimmen spätestens in dem Moment, in dem man anfängt aufzuhören seinen PC über Nacht abzuschalten. Nutzlose Information als Droge, Selbst induzierte Langeweile als Problem, Schlaflose Nächte vor dem Monitor ohne Ziel und Grund als Sucht und Problembewältigung. Man diskutiert Probleme die nur in der neuen Welt existieren. Fühlt man sich eingeengt ist man eben “afk”, Emotionen werden nur wiedergegeben wenn man es möchte, fehlleitende Emotionen sind keine schauspielerische Leistung mehr sondern unterscheiden sich nur noch dadurch ob eine Klammer geöffnet oder geschlossen ist.
Menschen verschiedenster Herkunft, Einstellung und Meinung treffen aufeinander, alle mit einer Gemeinsamkeit, sie wählten alle die rote Pille ohne zu merken dass sie Morpheus über den Weg gelaufen sind. Alle bleiben im Wunderland. Und im Wunderland verschwimmen die judikativen Grenzen der einstigen Realität, so sieht jeder über Altersbeschränkungen hinweg, jeder ist alt genug für alles. Durchgehend drehen sich Diskussionen über neue Musik, Software oder Film Bootlegs. Illegalität als Normalität, jeder weiß über die illegalen Machenschaften des Nachbar-Channels Bescheid, aber entweder man nimmt selbst daran teil oder man kümmert sich nicht darum. Ein löbliches Maß an Akzeptanz und Toleranz…
Wirklich ? Nein!
Ein erschreckendes Maß an Ignoranz. Zwar “lebt” man dicht auf dicht, und “sieht” Tag für Tag die gleichen “Gesichter”, nimmt jedoch kaum Notiz von den anderen. Zu viel Information über das “wahre Leben” ist nur lästig, hat im Wunderland nichts verloren. Aus diesem Grunde gab man ihm auch den liebevollen Titel “Real Life” (Abk. RL) um im Notfall davon in einer gefilterten sterilisierten Fassung erzählen zu können.
Man ist wer man vorgibt zu sein, man erlebt was man vorgibt erlebt zu haben. Ist es alles die Wahrheit oder alles Erfindung? Ist nicht von Bedeutung, in erster Linie ist es wichtig die unwichtige Information an viele Menschen weitergegeben zu haben die es nicht interessiert. Trotzdem flimmern von den Internetbekanntschaften amüsierte Emotionen über den Bildschirm, die Interesse vortäuschen, während sich die Menschen hinter den Nicknames gleichzeitig an ihren Computern um ihre eigenen Dinge kümmern ohne eine Miene zu verziehen. Heißt das nun dass alles eine große Lüge ist? Wahrscheinlich ja, allerdings ist auch das nicht von Bedeutung, denn das System ist in sich stabil. Menschen haben ein Bedürfnis sich mitzuteilen, und es ist schön wenn es jemanden interessiert. Tut es nicht? Na ja zumindest wirkt es so — Fair enough.
Im Endeffekt ist das IRC eine Einrichtung die ihre eigene Notwendigkeit durch ihre eigene Erfindung widerlegt. Denn aus der Langeweile entstanden hat das System selten einen sozialrelevanten oder gesellschaftlich unterstützenden Nutzen erbracht. Die einzige Existenzberechtigung ist die Existenz an sich. Im Grunde genommen ist es ein Kunstwerk, welches das Leben nachahmt. Natürlich findet im Grunde genommen ein gewisser Teil des Lebens vieler in ihm statt, allerdings erreicht es nie komplett die Realität, auch wenn es im ersten Augenblick manchmal so scheint.
Es ist eine gut angesetzte Kopie des Lebens, und vielerlei Aspekte aus dem Original sind in der Kopie wieder anzutreffen. Gefühlsspektren von Liebe bis Hass. (Von der körperlichen Liebe mal ganz abgesehen) So passiert es dann dass Menschen sich lieben oder hassen, deren einzige Verbindung ein bisschen Hightech-Spielzeug ist. Aber das wirft wieder die Frage auf: Ist es denn wirklich so neu, so besonders ? Gibt es nicht Menschen die sich nur über Briefkontakt ineinander verliebt haben, oder wurden nicht schon Kriege über Schriftkontakt “angezettelt” oder beendet ? (Ist das nicht auch der Hintergrund für das Wort “angezettelt” ?)
Aber Oscar Wilde sagte “Nicht die Kunst ahmt das Leben nach, sondern das Leben die Kunst”, und genau in diesem Moment kopiere ich die Kunst indem ich darüber schreibe. Ich schreibe über eine Sache die vielleicht unbedeutend, vielleicht aber auch stellvertretend und spiegelbildlich für ein ganzes Zeitalter und seine Generation steht. Vor 30 Jahren war der Gedanke an einen Computer im heutigen Sinne undenkbar, und meine Generation ist damit aufgewachsen, spielerisch damit groß geworden und für uns ist die Technologie und ihre Vorzüge, aber auch ihre Nachteile nicht mehr weg zu denken. Spott der älteren Generation gegenüber, allerdings auch ein wenig Furcht vor den Generationen die nach uns kommen, die all das für das und an dem wir Jahre lang gewartet und gearbeitet haben, mit der Muttermilch aufnehmen.
Aber das interessiert nicht, man blickt nach vorne — nein — eigentlich blickt man weder nach vorne noch nach hinten, man ist einfach. Dasein als Status, Beschäftigung und Berechtigung. Natürlich gibt es verschiedene Charaktere im IRC, die auch zu verschiedenen Formen von Freundschaft oder Feindseligkeit führen, aber im Grunde genommen ist das alles wenig von Bedeutung da man eher nebeneinander als miteinander “lebt”. Man toleriert das Meiste, hat niemandem gegenüber eine Verpflichtung und ist in seiner Persönlichkeitsentfaltung nur durch seine eigene Phantasie eingeschränkt. Ein wahrhaft wundersamer Ort, aber es ist wie gewöhnlich einfach nicht alles Gold was glänzt.