Perspektive 2010 zum Speiseplan des berliner Finanzsenators Thilo Sarrazin:
Um ganze 1,5 Milliarden Euro mögliche Mehrkosten sorgt sich Thilo Sarrazin, da müssen Menschen, in diesem Fall vor allem die Kinder, nun einmal zurückstecken. Schließlich müssen ja notleidende Banken wie die IKB, die sich vor lauter maßloser Gier verspekuliert haben, vom Staat wieder gesundgefickt werden.
http://www.perspektive2010.org/blog/2008/02/11/neoliberaler-der-woche-thilo-sarrazin-spd/
Endlich habe ich Arbeit gefunden! Es hat sich gelohnt, Mitglied des c-base e.V. zu werden, denn ich bin ab Montag in der Firma eines anderes Mitglieds beschäftigt.
Dort werde ich meine brachliegenden PHP-Skills bei der Einrichtung eines Webshops auffrischen können. Später werden dann noch andere Projekte in anderen Programmiersprachen hinzukommen.
Ich freue mich, endlich mal wieder richtig arbeiten zu können. Die Maßnahme bisher war nicht schlecht (ich bekomme immerhin ein Zertifikat), aber mir liegt programmieren mehr als PCs verkaufen.
Es geht voran!
Die erste Sprosse auf der Prekariats-Leiter erklimmt man, in dem man sich ein Wohnungsangebot holt vom Eigentümer der Wohnung. Die Wohnungsbau-Gesellschaften, -Genossenschaften und -Vereine kennen das; sie wissen was zu tun ist und wie das Wohnungsangebot aussehen muss.
Um die zweite Sprosse der Prekariats-Leiter zu erklimmen, muss das Wohnungsangebot dem PAP vorgelegt werden. Der PAP prüft dann, ob die Wohnung angemessen ist.
Nach dem der PAP sein OK gegeben hat, ist man ziemlich weit gekommen; nur noch der dritte Schritt fehlt um die eigene Wohnung beziehen zu können.
Der Mietvertrag muss natürlich noch unterschrieben werden – ab jetzt hat man die Wohnung!
Das Scharmützel (der Krieg) dauert aber noch ein bisschen an. Im Englischen gibt es dafür den Begriff aftermath.
Die Aufräumarbeiten hier sind Folgende: Mietvertrag vorlegen wegen KdU(Kosten der Unterkunft); ummelden beim Bürgerbüro (die kann auch schon vor dem Umzug geschehen); melden beim nun zuständigen Jobcenter.
Ich kann mich gar nicht so richtig freuen – ständig befürchte ich, dass noch etwas dazwischenkommt und meine Wohnträume zerstört. Man lernt zu zweifeln und zu warten. Der Konflikt: ich gehe davon aus, “dass es klappt”, möchte aber nicht nochmal so enttäuscht werden und halte meine Freude stark zurück, bis ich wirklich dort wohne.
Ich verzichte auf die üblichen Floskeln, auch wenn sie zutreffen. Es ist schwierig auf sie zu verzichten, fallen sie einem doch so leicht ein; man hört sie so oft. Aber ich bin zurzeit beeinflusst durch Deutsch für Profis von Wolf Schneider. In dem Buch gibt es eine Liste von Wörtern und Redewendungen, die man besser nicht benutzen sollte, weil sie abgedroschen sind; weiteres dreschen steigert nicht den Ertrag.
Keine Floskeln also, aber trotzdem starke Worte. Die frohe Botschaft muss verkündet werden! Meine Euphorie schwächt sich schon ab, gibt mir aber noch Schub, dass ich begeistert weiterschreiben kann. Zu diesem aktuellen Anlass macht das Schreiben sogar richtig Spaß. Natürlich sollte man nicht übertreiben vor lauter Begeisterung, vielmehr sollte man endlich sagen um was es geht!
Heute erhielt ich endlich den Brief, auf den ich seit Monaten gewartet habe. Unscheinbar lag er in meinem Brieffach im Wohnheim, aber der Inhalt war viel mehr: Das Jobcenter Tempelhof-Schöneberg hat mir endlich einen sogenannten Bewilligungsbescheid geschickt!
Bewilligung heißt vor allem Bewilligung von Leistungen nach dem SGB2, und das heißt: Geld. Vorher hatte ich nichts, nun habe ich immerhin zu wenig. Endlich bin ich aufgestiegen in die Unterschicht, in das Prekariat. Nun kann ich endlich Prekariäre machen.
Diesmal wollte ich alles richtig machen und wirklich mit dem Amt kooperieren. Ich holte mir also ein richtiges, ordnungsgemäßes, unverbindliches Wohnungsangebot von der WBM. Die Wohnung ist zwar klein, aber ich würde sie nehmen: nachdem man lange Zeit erfolglos gesucht hat, nimmt man immer schäbigere Angebote an.
Dieses Wohnungsangebot legte ich dem JC Tempelhof-Schöneberg zur Begutachtung und Bewilligung vor. Ich versuchte deutlich zu machen, dass sie bitte zügig entscheiden mögen, da sich noch andere Wohnungssuchende für die Wohnung interessierten. Und so erhielt ich auch prompt einen Termin – und zwar schon am 9. Februar, einem Freitag. Soweit zu “zügig”: “Eilig? Kein Problem! Wir geben Ihnen einen Termin mehr als eine Woche nachdem die Wohnung frei wird; bis dahin hat sich das eh erledigt und wir müssen nicht mehr so hart arbeiten schwere Entscheidungen treffen.” Ich muss mich wohl einstellen auf einen längeren Heimaufenthalt.
Mal sehen, wie es bei anderen Wohnungsbaugesellschaften aussieht: vielleicht ergibt sich ja was Mitte des Monats?
Nachtrag: Angebot vom Montag, am Dienstag morgen vorgelegt; am Dienstag nachmittag kommt der Anruf der Verwalterin, dass die Wohnung jetzt vermietet ist an einen jungen Mann der zuhause ausziehen musste und sehr verzweifelt war (kennt man das nicht irgendwoher? von mir selbst gar?). Tja, so ist das wenn das Amt zügig arbeitet. Es hat mich aber nicht so traurig gemacht, denn es war ja schon das zweite Mal, dass ich keine Wohnung bekam durch die Behäbigkeit des JobCenters Tempelhof-Schöneberg.
Es fing an, als der Ehrgeiz zu groß wurde und der Wunsch/die Gier nach Geld überhand nahm. Es ging weiter damit, dass der Erfolg hinter den Wunsch und Wahnvorstellungen Erwartungen zurückblieb. Und dann ging das Geld aus.
Geschockt durch den Absturz verkroch ich mich hinter meiner Depression. Dort war es bequem, behaglich und sicher – schön war es nicht.
Endlich ergab sich der Umzug nach Berlin! Dies bot die Chance, durch Ortsveränderung auch die innere Welt zu verändern und in Ordnung zu bringen.
Obwohl der Wohnungsmarkt angeblich so entspannt ist in Berlin, hatte ich mich vorher so weit von der Welt zurückgezogen, dass mich von 30 WGs nur eine aufnehmen wollte. Dies nahm das Jobcenter Tempelhof-Schöneberg zum Anlass, sich der Wohnungsfindung zu widersetzen.
Da ich niemanden finden konnte, der mir trotz der extrem prekären Lage eine Wohnung vermieten würde, musste ich mich an das Sozialamt wenden. Zwei weitere Wochen suchte ich erfolglos, dann sprach ich erneut vor. Der freundliche Mitarbeiter des Sozialamtes brachte mich daraufhin unter in dem Männerwohnheim des Internationalen Bundes, wo ich zurzeit auf unbestimmte Zeit wohne…bis ich endlich eine Wohnung finde.
...denn er scheint still zu stehen. Seit etwa 1h warte ich hier mit anderen Bürgern um mir helfen zu lassen bei der Wohnungsfindung. Eine Wohnung suchen kann ich alleine, nur das Finden klappt noch nicht so gut. Die Wartenden warten schweigend; gesprochen wird nur, um die Reihenfolge zu klären: Wer wartet auf welche Tür? und: Wer kommt alles vorher dran? Dabei sollte man klare Worte wählen, denn spricht man nicht aus, dass man als nächstes dran ist, so wird man übergangen und muss noch länger warten. So passierte es mir gerade eben. Schade eigentlich, da ich denke, dass mein “Fall” doch drängt. Nun warte ich und schreibe.
Der Nerd in mir versucht, Muster in dem Linoleum zu erkennen. 3 Farben beflecken die Platten: braun-rot tropft wie zähe Rostschutzfarbe; weiß bröckelt und zerfasert; grau beherrscht in hell und dunkel. Obwohl keine Farbe heraus sticht und sie aus der Entfernung zu einem gleichmäßigen grau zerfließen, ist kein Muster zu erkennen. Aus der Nähe betrachtet stechen die Farben heraus; Einzelheiten im grau erkennt man, sobald man sich darauf konzentriert. Aber aus der Nähe kann man noch weniger ein Muster erkennen. Die Kleckse erinnern an nicht ganz sauber zusammengeschmolzene und -gerührte Kunststoffreste; in ca. gleich große Fetzen zerschnipselt und dann ein einen Bottich geworfen, bei hoher Temperatur einige Minuten gerührt bis alles weich geworden aber noch nicht vermischt ist. Sodann breit und dünn ausrollen und aushärten lassen. Anschließend werden die Bahnen in Stücke geschnitten und an das Rathaus Tempelhof verkauft, in welchem ich mich dann (Jahrzehnte später?) über das Rezept wundern kann.
Immer noch warten! Vom Vordrängler erfahre ich, dass soeben die Computer abgestürzt sind, weshalb er wieder draußen mit uns anderen wartet, während sein und mein Sachbearbeiter telefoniert. Das Computerproblem ist nach kurzer Zeit behoben und der Drängler darf nach drinnen.
Warten, warten, warten! Darauf, dass der Amtsschimmel endlich in die Hufe kommt. Der Drängler verlässt mit dem Sachbearbeiter das Büro und wird ermahnt und wiegelt ab. Der Sachbearbeiter beschwichtigt und dann überrascht er mich, indem er mich erkennt: “Herr P.?” – “Ja.” – “Wollen Sie zu mir?” – ich nicke – “Dauert noch einen kleinen Augenblick”. Der Drängler bekommt Zettel ausgehändigt, und ich erfahre, dass ich tatsächlich noch einen Augenblick warten muss. Jemand anders hatte wohl einen Termin, wird (vor mir) hereingebeten und ich darf noch länger warten.
Wie es weitergeht als ich endlich drankomme, steht auf einem anderen Blatt und gehört zu einer größeren Geschichte, die ich noch schreiben muss. Hü-hott! Auf zum JobCenter Tempelhof-Schöneberg.
Beim JC wird wieder weitergewartet. Es gibt einen Wartebereich, in dem die Bürger warten und reden. Diesmal muss nicht koordiniert werden, denn man zieht eine Nummer und die Nummer wird aufgerufen. Vielmehr warten hier viel mehr Bürger als beim Rathaus, und sie sind im Wartebereich und nicht auf dem Flur. Der Wartebereich selbst geht über in ein (Riesen-)Großraumbüro, wo die Bürger nach dem Warten nun mit ihrem Persönlichen Ansprechpartner (PAP) reden. Das Geräusch ist mehr, leider jedoch kein Meeresrauschen, sondern nur das Plärren aus einem Handy mit Radio (Schon GEZahlt?). Die Bürger warten geduldig, sie haben sich etwas zu lesen mitgebracht oder starren einfach in die Luft – wie auf stand-by. Oder sie starren Löcher in den strapazierfähigen Boden, der schwarz-grauen Widerstand gegen tausende Bürgerschuhe darstellt. Das Radio verstummt, das Gemurmel bleibt, die Nummern steigen, die Bürger warten.
Ich komme dran, und werde nach kurzer Zeit zur nächsten Drohne geschickt; im 2. Stock darf ich diesmal warten, wo ich mit Namen aufgerufen werde, wie mir die erste Drohne aus dem Großraumbüro versichert. Die Wartezeit reicht aus, einen Teil der vielen Antragsformulare auszufüllen. O, Ach! Endlich wieder einen ALG2-Antrag ausfüllen zu dürfen! Die Drohne tippt dann eine Weile Daten in den Computer und schickt mich in den 1. Stock, wo ich – wer hätte das gedacht? – wieder warten darf, um wieder mit Namen aufgerufen zu werden.
Dort fülle ich also den Antrag zu ende aus. Die Drohne wundert sich über die bisherigen Ablehnungen, aber wir beschließen, dass jenes Thema nicht akut ist. Der Antrag wird akzeptiert (was aber nichts heißt). Ich bekomme sogar wieder einen Vorschuss, obwohl sie den Vorschuss vom Dezember zurückfordern…
So richtig Sprunghaft ist der Amtsschimmel nur, wenn es darum geht, noch mehr Unter- und Auflagen von den Bürgern zu verlangen. Ansonsten steht er sehr behäbig herum und rührt sich nur unwillig und schwerfällig und nach langer Bedenkzeit, wenn der Bürger etwas will. Für viele Bürger ist dies bestimmt Alltag, aber für mich ist das eine neue Erfahrung, die erschüttert und empört.
(Mehrstündiges Gedankenprotokoll vom 2.1.2007)
Wie schaffe ich es, aus meinem Zwang auszubrechen? Ist das Gefühl der Sicherheit, das meine vertraute gewohnte Depression mir gibt, tatsächlich größer/stärker als die Möglichkeiten einer Beschäftigung? Was ist los: Wenn mir der Atem stockt und schier das Herz stehenbleibt; Wenn ich nachts aufschrecke, panischen Herzschlag im Hals spüre und gierig nach Luft ringe? Warum denke ich so oft an Selbstmord mit Zeichen-Setzung, warum klammere ich mich dennoch an meine Existenz? Es kommt immer in einer Art von Anfällen über mich. In solchen Momenten kann ich meine Gefühle nicht beschreiben, kann sie nicht aussprechen. Die Hemmung setzt ein in der Hand; wandert über den Arm zum Herz, welches prompt aus dem Takt gerät; erreicht das Gesicht, den Mund geöffnet zum scharfen Einatmen und schreiendem Ausatmen; und kommt schließlich im Gehirn an, welches den Schrei unterdrückt. Stumm bin ich, ertrinke in der Flut und unter Wasser kann man nicht schreien. Wo ist der Boden, wann ist der Tiefstpunkt erreicht, ab dem es nur noch aufwärts gehen kann?! Was lässt mich strampeln und treten, Anträge ausfüllen und in Reihe anstellen? Was hindert mich, zu explodieren, gewaltsam auszuschlagen, zu treffen, zu verletzen, egal wen und wie schwer, Hauptsache, ich habe etwas bewirkt? Ist es schon soweit, dass ich meine, nur noch mit roher Gewalt etwas bewirken zu können? Bin ich so bedeutend, so wichtig, dass ich etwas bewirken muss? Bewirke ich und bemerke es nicht? Scheinbar gefangen in einem Teufelskreis, der doch eine immer schneller drehende Spirale in den Abgrund ist: kein Geld -> kein Essen -> keine Arbeit -> kein Geld -> kein Dach überm Kopf -> keine Hoffnung -> keine Motivation -> kein Selbstwertgefühl -> keine Hilfe -> ... Ich belüge mich schon selber so überzeugend wie Andere, dass ich verlernt habe zu vertrauen. Die Anstrengung zehrt mich auf, mir und anderen einzureden, es ginge schwierig und beschwerlich irgendwie voran. Ich habe schon wieder abgenommen, obwohl ich versuche regelmäßig zu essen. Ich glaube, ich brauche Hilfe; aber gleichzeitig denke ich, dass ich mir Hilfe nicht leisten kann und schon bin ich fassungslos ob der zynischen, turbokapitalistischen Welt in der man sich selber hilft und sonst keiner. Der Neoliberalismus beschert uns die Freiheit, alles zu verlieren, auch das was im GG steht: die Würde. Was ist würdevoll daran, obdachlos zu werden, weil zuerst gewisse Formalien eingehalten werden müssen bevor ein Antrag auch nur in die Hand genommen wird? Die Formalien benötigen nämlich würdevolle Bearbeitungszeit; Zeit, in der die Notlage der Vermieter größer wird und sie die Wohnung an einen anderen vermietet müssen, da sie sonst ihre Würde ebenfalls verlieren und dann in der Menge der zahlreichen stimmlos gelähmten Würdelosen untergingen; in der Menge, aus der sie mich durch Solidarität befreien wollten. Ein kleiner Schritt nur, eine winzige Stufe, auf der ich wieder Tritt fassen könnte, ein Absatz, auf dem ich mich sammeln und von dem aus ich weiter schreiten könnte. “Die Würde des Menschen ist unantastbar“, sagt das GG; “...es sei denn, es geht um Solidarität“, sagen die Neoliberalen, Neokapitalisten, Neofaschisten. Neofaschismus nach Hartz: nicht mehr als angeblich überlegende Rasse eine angeblich minderwertige vernichten, sondern als wohlhabende Klasse die Situation der Wenighabenden derart verschlimmern, dass sie nicht mal mehr die Kraft haben, solidarisch zu sein, weil ihre ganze Energie aufgebraucht wird um satt zu werden. “Erst kommt das Fressen, dann die Moral”, dies wird gnadenlos ausgenutzt. Die modernen Sklaven sind zahlreich aber schwach, ihre Abhängigkeit ist noch zu groß; ihre Welt wird härtzlich klein gehalten, damit sie nicht sehen, schon gar nicht den Nächsten; damit sie nicht zusammenkommen und ihre Stimmen gehört werden müssen. Es scheint politisch gewollt zu sein. Der Schein trügt: längst wird die Politik benutzt, um neoliberale Vorstellungen in Gesetze und Verordnungen zu gießen. Seit Jahren wird “der Markt“ neoliberalisiert, immer unter der Drohung, dass die Konzerne abwandern würden und so Arbeitsplätze verloren gingen. Die Konzerne sind jedoch schon lange abgewandert und belohnen sich für ihre Unverschämtheit mit (politisch versteckter und durchgesetzter) Steuerfreiheit. Auch hier keine Solidarität. Die Arbeitsplätze sind ebenfalls verloren gegangen, kaum dass die Konzerne der Politik befohlen hatten die staatliche Form der Solidarität, den Sozialstaat also, abzubauen. So konnten die Frischentlassenen sich nicht einmal beschweren, da ihre Mägen lauter knurren als ihre Stimmen rufen können. Die Politik in Deutschland wurde zuerst verarscht (entweder Sozialabbau sonst Arbeitsplätze weg), dann vergiftet (indem weisgemacht wurde, der Staat könne nichts tun) und schließlich wurde es den Betroffenen in die Schuhe geschoben (sie seien schließlich selbst Schuld an ihrer Situation). Systematisch wird hier die Solidarität auf allen Ebenen ausgehebelt, getilgt.
(...)
4 Stunden später: soeben bin ich zurück von einem 1-stündigen Spaziergang, der in zweierlei Hinsicht kurzfristige Linderung brachte: zum Einen spürte ich 1 Stunde lang keinen Juckreiz an den Fingern, Handgelenken, am Hals, auf der Kopfhaut, in den Kniekehlen, am Bauch und den Oberschenkeln; zum Anderen drehten sich meine Gedanken 1 Stunde lang nicht im zuvor erwähnten Teufelskreis. Das Ausbleiben des Juckreizes kann ich mir nicht so leicht erklären, durchaus aber die Veränderung der Gedankengänge: Wenn ich unterwegs “in Bewegung” bin, nehmen die Augen (und damit das Hirn) ständig andere optische Reize auf, die ständig Assoziationen verschiedener Heftigkeit hervorrufen. Der äußere Reiz, oder das Verarbeiten des Selben, überbrüllt meine inneren Schreie, die ja nach außen stumm bleiben. Auf diese Art habe ich für kurze Zeit Ruhe vor mir selber, ich nehme eine Auszeit und kann mich geistig erholen auf eine Weise, die der kurze unruhige Schlaf nicht bietet. Ich bin jetzt gefasster und schreibe langsamer, springe weniger hin und her. Es hat sich auch eine leichte Ermüdung dazugestellt, der ich aber erst nachgeben werde, wenn sie zur Erschöpfung geworden ist, wenn ich fast im Stehen einschlafe. Ich finde kaum etwas so schlimm wie müde im Bett zu liegen und nicht schlafen zu können vor lauter Gedankenraserei, vor lauter Geschrei, dieser Kakophonie der Unsicherheit. Durch den Aufbau meines alten vertrauten Schreibtisches (vor vielen Jahren getausch für eine PC-Arbeitsstation aus lackiertem Stahl und dickem Glas) falle ich teilweise zurück in alte Gewohnheiten. Ich trinke wieder mehr Tee aus den vetrauten Tassen; stelle diese auf den vertrauten Untersetzer in Form einer CD-Hülle für Original Microsoft Works, dessen Echtheitszertifikat ich absichtlich in langsamer Kleinarbeit mit den Unterseiten der Tassen durchscheure. Überhaupt ist der Schreibtisch vertraut und anders. Vertraut ist sein Aussehen und Aufbau: Schubladenelement links, Türelement rechts, beide Elemente mit Teppich bedeckt, um für farbliche Abwechslung zu sorgen. Vertraut ist er mir in seiner ursprünglichen, eigentlichen Funkton als Tisch, an dem ich schreibe. Dieser Schreibtisch stellte jahrelang das Zentrum meiner Wach-Aktivitäten dar. Hier habe
ich gegessen, Filme geschaut und “am allerwichtigsten “mit anderen per Email oder IRC kommuniziert. Dieser Schreibtisch ist sehr sehr wichtig und dennoch habe ich ihn einige Monate nicht benutzt (nicht benutzen können). Er ist anders (geworden). Zuvor stand er unter meinem Hochbett. Man konnte am Schreibtisch nur sitzen; aufrecht stehen war nur kurzen Menschen möglich. So war der Schreibtisch von jeher ein Ort an dem alleine war. Wollte ich mit Freunden eine DVD auf dem Laptop gucken, stellten wir den Laptop immer au den niedrigen Couchtisch. wovor wir dann irgendwie alle Platz fanden auf dem Sofa. Der Laptop ist jetzt zugeklappt und ausgeschaltet und zur Seite geschoben. Er funktioniert noch, zum Glück! aber ich habe zur Zeit kein Internet und daher ist er nur noch als Schreibmaschine zu gebrauchen. Dies ist übrigens ein weiterer Unterschied, der mir auffällt: Ohne Internet und ohne Telefon ist der Schreibtisch mit Laptop keine Kommunikationszentrale mehr. Ich finde hier nicht mehr Anschluss nach draußen. Das ratlose und losrasende Hirn muss sich mit sich selbst beschäftigen; kein äußerer Reiz wie ein Spruch, eine Beleidigung, eine Frage, ein witziges Bild hält es mehr in der Spur. Ich bin mir völlig ausgeliefert und ich weiß nicht, wie lange ich dies noch durchhalte. Heute habe ich mit Mama telefoniert (sie rief mich auf dem Handy an, damit ich Guthaben sparen kann) und ich konnte meine aufgestauten Gedanken, meine zu Worten kondensierten Stummschreie für eine halbe Stunde über ihr ausschütten. Andere würden sage, dass ich mein Herz (mein Hartz, haha) ausgeschüttet habe, aber so tief sind wir noch gar nicht gekommen. Da warten noch Emotionen darauf, verarbeitet zu werden. Im Gespräch ging es vielmehr um meine Gedanken, um die, die nicht mehr aus meinem Bewusstsein verschwinden. Vorher war Per für einige Tage zu Besuch; er kam an dem Tag an, als Mama auszog. So war ich nicht allein und er lenkte ab. Nach kurzer Zeit fuhr er schon wieder nach Stuttgart zurück. Das Gefühl der Einsamkeit war überwältigend. Aber immer wenn ich kurz davor bin, zusammenzubrechen und in den zuvor erwähnten Fluten zu ertrinken, immer wenn die Lähmung einsetzt und der Atem stockt und das Herz stolpert, immer wenn ich aufgeben will, wird es für einen ganz kurzen Moment dunkel. Meine panische Angst verwandelt sich in etwas, das mich zu “vor allem körperlicher “Aktivität treibt: ich brauche dann ganz dringend Bewegung. Ich denke meine lähmenden Angstzustände und die darauffolgende Aktivität wären nicht so stark, wenn ich eine Arbeit, einen Job, ja sogar eie regelmäßige Tätigkeit hätte. Ich komme mir so ruhelos vor, getrieben von etwas ohne Ziel ohne Zweck ohne Bestimmung. Daher drehe ich mich auch ständig im Kreis, gedanklich zumindest. Meine Schrift wurde immer unleserlicher, daher habe ich den Stift gewechselt. Ergebnis: minimale Verbesserung, die wohl eher zu tun hat mit der Ablenkung durch das Suchen eines Bleistiftes als mit dem neuen Schreibgerät an sich. Hier kommt mein “speziell“ ausgeprägter Ordungssinn zum Vorschein: ich muss/möchte mit dem kürzesten Bleistift schreiben, um ihn aufzubrauchen. Meine Gedanken springen so schnell hin und her, dass ich mir wünsche, ich könnte sie irgendwie auf die beiden Hirnhälften verteilen und jede Hälfte gleichzeitig schreiben lassen. Aber ich vermute, dass so eine “Fähigkeit“ einhergeht mit “Mängeln“ an anderer Stelle. Und so wünsche ich mir nur, schneller schreiben zu können, um die Herden meiner gallopierenden Gedanken zunächst schriftlich einzufangen und danach psychisch zu zähmen. Weil mir Telefon und Internet doch sehr fehlen, überlege ich, wieder mehr Briefe zu schreiben. Oder ich könnte meine Beiträge zu meiner Webseite in Form von Briefen an meinen Vater verfassen und es ihm aufbürden, sie für mich zu veröffentlichen. Das setzt voraus, er hat Lust und Zeit dazu und erkan meine Schreift lesen, die in der Familie auch “Sauklaue“ genannt wird. Briefe zu schreiben käme meinem Mitteilungsbedürfnis entgegen. Ein anderer Teil meiner Selbsttherapie (wie gern wär ich krankenversichert) wird sein, dass ich mich bemühe jeden Tag mit eier mir vertrauten Person zu sprechen, um so den Halt in dieser Welt nicht zu verlieren. Der dritte und schwierigste Teil besteht darin, tagsüber vor die Tür zu gehen und fremde Leute anzusprechen, ob sie nicht Arbeit für mich haben? Die Arbeit wird leicht sein, es ist das Reden, das so erschreckend ist. Scheiß Armut, Scheiß Hartz, Scheiß Depression!
ja, mal kurz so zwischendurch: das Jobcenter Tempelhof-Schöneberg hat meinen zweiten Antrag also wieder abgelehnt mit dergleichen Begründung wie beim ersten Mal. Ich hatte zwar einen Untermietvertrag, so dass man nicht davon ausgehen kann, dass ich “für frei” wohne, aber mit so unwichtigen Details gibt sich das Jobcenter gar nicht erst ab.
Nun muss ich also mal wieder Widerspruch einlegen, das dauert wieder ewig bis die in die Puschen kommen; und ab 1.2.2007 muss ich ja auf jeden Fall eine eigene Bude gefundenhaben, die dem JC auch zusagt…
Status: 2 Widerspruchsverfahren, 1 einzige Scheiße, 0 Kohle.
Bei dieser Gelegenheit frag ich mich woher sie die Daten über das Einkommen meiner Mutter hatten, denn: meine Daten muss ich je-des-mal wieder ausfüllen, weil sie die nicht einfach übernehmen können. Aber bei sensiblen Daten Dritter gibt es diese Schwierigkeiten auf einmal nicht mehr. Aber auch hier kommt wieder eine Unsicherheit ins Spiel. Die Auskunft, dass meine Daten nicht einfach übernommen werden können, wurde mündlich gegeben und auf mündliche Auskünfte kann man beim JC wohl nichts geben – man muss sich alles schriftlich geben lassen!
Zum Einen war ich sehr verzweifelt, zum Anderen war ich der vielen Wiederholungen überdrüssig die sich ergeben haben wenn ich beim JobCenter “vorsprach”. Also setzte ich mich hin, riss mich zusammen und schrieb eine Art Hilferuf, Situationsbeschreibung, Bettelbrief; irgendwas in der Art.
Ich weiß nicht, ob dieses Schreiben die Entscheidung des JobCenters beeinflusst hat. Ich weiß aber, dass es mir geholfen hat stark zu bleiben (so abgedroschen das auch klingen mag). Ich hoffte mir dadurch die ganze Erklärungsarbeit, die ich bisher mündlich geleistet hatte, sparen zu können um mich besser auf die Schikane das Sachliche konzentrieren zu können.
Ich gebe hier das Schreiben wieder, so wie ich es auch ausdruckte und unterschrieb und einer Mitarbeiterin des JobCenters aushändigte. Vielleicht berührt oder inspiriert es den Eine oder die Andere; vielleicht bleibt es wirkungs- und hilflos. Vielleicht ist es unangebracht, aber hier ist es:
Lasse Pommerenke
ohne Wohnsitz, in Berlin
Dezember 2006Ich bin zurzeit mittellos und wohnsitzlos. Ich habe kein Geld und keine Wohnung. Ich habe jedoch Möbel, Bücher und Geschirr; diese sind zurzeit untergestellt und ich nutze sie nicht.
Seit einigen Wochen suche ich nach Wohnraum für unter 360 Euro Warmmiete. Als ich Ende November ein WG-Zimmer fand und einen Vorvertrag abschloss, wurde dies abgelehnt, da ich noch kein “Kunde” war. Am 1. Dezember warf meine Mutter mich raus. Seit diesem Tag habe ich keinen festen Wohnsitz. Ich bin noch nicht obdachlos gemeldet, da ich immerhin vereinbaren konnte, benachrichtigt zu werden, wenn Post für mich an der Meldeadresse ankommt.
Am 4. Dezember stellte ich daher einen neuen Antrag auf ALG2. Ich besorgte mir Wohnungsangebote einer Wohnungsbaugesellschaft. Eine dieser Wohnung war “ab sofort” frei, ich bat um Erteilung der Mietgarantie für diese Wohnung. Diese Mietgarantie wurde erteilt und mir wurde telefonisch gestattet den Mietvertrag zu unterschreiben. Leider war die Wohnung inzwischen an jemand anders vermietet worden. Ich bin also immer noch wohnungslos, mittellos, und bald auch hoffnungslos.
Durch Telefonate fand ich heraus, dass die Wohnungssituation zurzeit sehr schlecht ist, es keine freien Wohnung gibt. Freie Wohnungen gibt es derzeit erst ab 1. Februar 2007. Solange kann ich aber nicht auf der Straße, bei Freunden, bei Bekannten, oder mir gänzlich unbekannten Personen wohnen. Die wenigen Freunde und Bekannte sind nicht mehr in der Lage, mir sowohl Schlafplatz, Telefon, Essen und Warmwasser zur Verfügung zu stellen.
Auch kann ich meine Möbel (mein einziger mir verbliebener Besitz) nicht so lange an ihrem jetzigen Ort untergestellt lassen; sie werden spätestens am 31. Dezember entfernt, danach ist der Stellplatz an eine andere Person vergeben. Ich habe auch kein Geld um sie woanders unterzustellen.
Ich habe die Situation mit meiner Mutter besprochen, sie hat sich bereit erklärt, mir ein Zimmer der Wohnung befristet zu vermieten.
Ich bitte daher, endlich meine Hilfsbedürftigkeit anzuerkennen, damit den Regelsatz zu bewilligen und schließlich die Mietkosten für das Zimmer laut beiliegendem Untermietvertrag zu übernehmen. Der Winter verschlimmert meine Notlage noch.
Ich bin mittellos und kann die Miete nicht selber zahlen. Ich bin obdachlos und finde keine Wohnung, die ab sofort frei ist und weniger als 360 Euro warm kostet. Wenn die Miete gezahlt wird, hätte ich befristet ein Zimmer und könnte meine Möbel dort einstellen. Den Transport der Möbel könnte ich vom Regelsatz bezahlen, es entstünden keine Umzugskosten, für die das JobCenter aufkommen müsste.
Ebenso hätte ich die Chance Wohnungsangebote für angemessene Wohnungen zu erhalten und diese dem JobCenter vorzulegen, in der Hoffnung das JobCenter würde auch hierfür eine Mietgarantie aussprechen.
Wird der beiliegende Untermietvertrag nicht akzeptiert, so bitte ich um sofortige Zuweisung von Wohnraum und zwar ohne Möbel. Ich bin verzweifelt genug, irgendwo zu wohnen, aber ich möchte nicht meinen letzten Besitz verlieren.
Ich weise nochmal darauf hin, dass ich mittellos bin. Das Geld für Fahrkarten und Essen leihe ich mir oder bettele Menschen auf der Straße an. Ich brauche dringend Unterstützung. Ich kann mir zwar Arbeit suchen, dort aber nicht regelmäßig erscheinen, da ich nicht ausreichend Geld zusammenbekomme um täglich Nahverkehr zu fahren: das erbettelte Geld reicht entweder für ein Ticket oder einen Döner.
Bitte lassen sie mich also in der Wohnung meiner Mutter zur Untermiete wohnen, bitte anerkennen sie endlich meine Hilfebedürftigkeit, bitte gewähren Sie mir einen Vorschuss auf den Regelsatz damit ich ich mir das Sozialticket und regelmäßige Mahlzeiten kaufen kann.
Dick aufgetragen, in der Tat. Aber die Lyrik soll nicht die Tatsachen verschleiern, sondern eindringlicher geltend machen.