Wie jeder Vorgang, der sich zeitlich von A nach B bewegt, so durchschreitet auch das Online-Leben gewisse Stadien, welche bei genauerer Betrachtung von denen der menschlichen Entwicklung gar nicht so verschieden sind.
Natuerlich ist die zeitliche Ebene des Online-Lebens gegenueber der des Echten-Lebens (individuell) verzerrt. Auch sind Spruenge zwischen den Ebenen moeglich.
Der absolute Internet Frischling — erst seit Kurzem vernetzt, überwältigt von der Vielfalt des Neuen — versucht sich langsam in seinem neuen Umfeld zurechtzufinden.
Es wird neugierig alles beaeugt und angefasst was einem in die Quere kommt. Man probiert jede URL aus die man irgendwo aufgeschnappt hat, klickt alles an was bunt und animiert ist.
Urvertrauen eben.
Es wird nichts hinterfragt; wird schon gut gehen, wer soll mir schon Boeses wollen? Zum Misstrauen ist es ein oft ein sehr kleiner Schritt, ich meine natuerlich: ein kleiner Klick.
Die Faehigkeiten des E-Typs haben sich mittlerweile erweitert. Man fuehlt sich sicherer in seinen Aktionen, ist mit der Technik oberflaechlich vertraut, ist online.
Oft praegt diese Phase auch den F-Typ, indem man sich anderen gegenueber mit einer email Adresse outet oder selbst danach fragt.
Wie im echten Leben wird auch in dieser Phase des Online-Seins gespielt.
Man nimmt an allen Spielereien teil die einem ueber den Weg laufen: vermeintlich kostenlose Gewinnspiele, Web-Grusskarten, alles was es umsonst und billig zu haben gibt; und was einem die Angabe der email Adresse oder anderer sensitiver Daten abverlangt.
Werden kann man viel, im Netz — oder gar nichts. Fuer Viele bleibt es (lange) bei Zweiterem.
Die Ich-Findung des alter ego fuehrt bei nicht wenigen schon frueh zu den bekannten Konglomeraten der Netzwelt: oeffnetliche Foren und Chatrooms auf den Community-Portalen der normal-bekannten Grossen, wie Radio und TV-Sender, (Computer-)Zeitschriften, Partyveranstaltern.
Mit stumpfen ersten Schritten wird ein Name fuer den E-Typ ausgesucht, meist etwas was in eine Jahreszahl, vornehmlich das (potentielle/angebliche) Geburtsjahr des F-Typ, oder sonst eine Nummer endet. Vor besagter Zahl befinden sich meist sachen wie “suesse” “boy” “cool” “party” oder Gruppen dieser und verwandter Begriffe.
Hier kann man sich austoben unter seines Gleichen.
In dieser Phase lernt der E-Typ, dass nicht alles was glaenzt, auch ein vergoldeter Kontakt ist. Im Gegensatz zum F-Typ ist diese Ebene stark mit der Nachfolgenden verwoben und nicht sauber zu trennen.
Auf dieser Ebene der Entwicklung versucht man, sich in einem oder mehreren sozialen Subnetzen einzuleben und nach anfaenglichem Mitschwimmen und Ausloten selbst zu partizipieren. Die Entscheidung, welches soziales Umfeld gewaehlt wird, haengt groesstenteils von den Vorlieben des F-Typs ab. Im Netz ist fuer jeden irgendwo Platz, sofern man sich in die schon bestehenden Strukturen eingliedern kann oder eben die Basis fuer eine Neue schafft.
Man engagiert sich in den betreffenden Gruppierungen, arbeitet mit, kann sich selbst als zugehoerig sehen, als Teil von etwas Groesserem, und sich damit gegenueber anderen identifizieren und sich von der Grundgesamtheit durch Individualitaet abheben.
Man neigt dazu anzunehmen, dass Intimitaet und Online zwei sich gegenseitig ausschliessende Begriffe darstellen. Aber gerade die Anonymitaet die Online erreichbar ist, wirkt dem entgegen. Dies wiederum kann schnell zur Isolation es E-Typs oder — in Extremfaellen — gar des F-Typs fuehren. Auf dieser Stufe eine Balance zu finden, ist nicht unbedingt eine einfache Aufgabe.
Angesichts der Tatsache, dass viele E-Freundschaften auch gute und stabile F-Freundschaften hervorbringen ist das Argument der Isolation nicht allgemeingueltig anzuwenden. Gerade die extreme Dezentralisierung des Netzes und dessen Omnipraesenz beguenstigen es in dieser Phase des Online-Lebens, den Anschluss an die Gesellschaft, welcher Ebene sei hier nicht von tieferer Bedeutung, nicht zu verlieren sondern oftmals sogar zu festigen.
Generativitaet meint die Liebe in die Zukunft zu tragen, sich um zukuenftige Generationen kuemmern, eigene Kinder grossziehen.
Dies auf die E-Ebene zu uebertragen mag fuer einen Moment absurd klingen, ist jedoch unter Anderem tief in den Wurzeln der OpenSource Community verankert. Im Hier und Jetzt fuer das Morgen arbeiten, ohne direkte Gegenleistungen zu erwarten. (Un-)Willige Neulinge auf den richtigen? Pfad (ein)weisen. Viele Lebenswerke waren schon immer geistigen Ursprungs.
Die Moeglichkeiten fuer das Ausscheiden aus dem Online-Leben koennte unterschiedlicher nicht sein. Sei es aus freien Stuecken, Zwang oder weil das echte Leben endet. Abgesehen vom Ende des Echten ist der Online-Tod in vielen Faellen abwendbar, umkehrbar, nicht zu fuerchten.
Strom betreibt die Server und die PCs mit der Software. Strom ist die Kraft/Energie/das Chi, die es einem ermöglicht sein Bewusstsein, sein Wesen, seine Essenz ins IRC, in die Virtuelle Identität, in die Andere Welt zu transzendieren und dieser so Leben einzuhauchen1. Die virtuelle Identität lebt und stirbt mit der Verfügbarkeit des Stroms.
Kein Strom kein Internet kein IRC! Für den Betroffenen ist das Sterben der virtuellen Identität äußerst real. Sie ist Teil seiner Persönlichkeit, seines Wesens, seines *Ich*s. Man weiß genau was fehlt, man weiß auch genau was man braucht um diese kalte Leere mit warmen virtuellem Leben zu füllen: Strom.
Jeden Tag, jede Stunde, jeden Moment gerät ein weiterer Teil dieser Persönlichkeit in Vergessenheit. Die Welt des IRC ist schnelllebig und -sterbig. Sie ist vielschichtig, komplex und sehr aggressiv.
1 Wie beim biologischen so gehört auch zum virtuellen Leben mehr als Luft zum Atmen bzw. Strom zum transportieren/beamen/usw.
Die Grenzen zwischen der “echten” Welt und der Welt des IRCs verschwimmen spätestens in dem Moment, in dem man anfängt aufzuhören seinen PC über Nacht abzuschalten. Nutzlose Information als Droge, Selbst induzierte Langeweile als Problem, Schlaflose Nächte vor dem Monitor ohne Ziel und Grund als Sucht und Problembewältigung. Man diskutiert Probleme die nur in der neuen Welt existieren. Fühlt man sich eingeengt ist man eben “afk”, Emotionen werden nur wiedergegeben wenn man es möchte, fehlleitende Emotionen sind keine schauspielerische Leistung mehr sondern unterscheiden sich nur noch dadurch ob eine Klammer geöffnet oder geschlossen ist.
Menschen verschiedenster Herkunft, Einstellung und Meinung treffen aufeinander, alle mit einer Gemeinsamkeit, sie wählten alle die rote Pille ohne zu merken dass sie Morpheus über den Weg gelaufen sind. Alle bleiben im Wunderland. Und im Wunderland verschwimmen die judikativen Grenzen der einstigen Realität, so sieht jeder über Altersbeschränkungen hinweg, jeder ist alt genug für alles. Durchgehend drehen sich Diskussionen über neue Musik, Software oder Film Bootlegs. Illegalität als Normalität, jeder weiß über die illegalen Machenschaften des Nachbar-Channels Bescheid, aber entweder man nimmt selbst daran teil oder man kümmert sich nicht darum. Ein löbliches Maß an Akzeptanz und Toleranz…
Wirklich ? Nein!
Ein erschreckendes Maß an Ignoranz. Zwar “lebt” man dicht auf dicht, und “sieht” Tag für Tag die gleichen “Gesichter”, nimmt jedoch kaum Notiz von den anderen. Zu viel Information über das “wahre Leben” ist nur lästig, hat im Wunderland nichts verloren. Aus diesem Grunde gab man ihm auch den liebevollen Titel “Real Life” (Abk. RL) um im Notfall davon in einer gefilterten sterilisierten Fassung erzählen zu können.
Man ist wer man vorgibt zu sein, man erlebt was man vorgibt erlebt zu haben. Ist es alles die Wahrheit oder alles Erfindung? Ist nicht von Bedeutung, in erster Linie ist es wichtig die unwichtige Information an viele Menschen weitergegeben zu haben die es nicht interessiert. Trotzdem flimmern von den Internetbekanntschaften amüsierte Emotionen über den Bildschirm, die Interesse vortäuschen, während sich die Menschen hinter den Nicknames gleichzeitig an ihren Computern um ihre eigenen Dinge kümmern ohne eine Miene zu verziehen. Heißt das nun dass alles eine große Lüge ist? Wahrscheinlich ja, allerdings ist auch das nicht von Bedeutung, denn das System ist in sich stabil. Menschen haben ein Bedürfnis sich mitzuteilen, und es ist schön wenn es jemanden interessiert. Tut es nicht? Na ja zumindest wirkt es so — Fair enough.
Im Endeffekt ist das IRC eine Einrichtung die ihre eigene Notwendigkeit durch ihre eigene Erfindung widerlegt. Denn aus der Langeweile entstanden hat das System selten einen sozialrelevanten oder gesellschaftlich unterstützenden Nutzen erbracht. Die einzige Existenzberechtigung ist die Existenz an sich. Im Grunde genommen ist es ein Kunstwerk, welches das Leben nachahmt. Natürlich findet im Grunde genommen ein gewisser Teil des Lebens vieler in ihm statt, allerdings erreicht es nie komplett die Realität, auch wenn es im ersten Augenblick manchmal so scheint.
Es ist eine gut angesetzte Kopie des Lebens, und vielerlei Aspekte aus dem Original sind in der Kopie wieder anzutreffen. Gefühlsspektren von Liebe bis Hass. (Von der körperlichen Liebe mal ganz abgesehen) So passiert es dann dass Menschen sich lieben oder hassen, deren einzige Verbindung ein bisschen Hightech-Spielzeug ist. Aber das wirft wieder die Frage auf: Ist es denn wirklich so neu, so besonders ? Gibt es nicht Menschen die sich nur über Briefkontakt ineinander verliebt haben, oder wurden nicht schon Kriege über Schriftkontakt “angezettelt” oder beendet ? (Ist das nicht auch der Hintergrund für das Wort “angezettelt” ?)
Aber Oscar Wilde sagte “Nicht die Kunst ahmt das Leben nach, sondern das Leben die Kunst”, und genau in diesem Moment kopiere ich die Kunst indem ich darüber schreibe. Ich schreibe über eine Sache die vielleicht unbedeutend, vielleicht aber auch stellvertretend und spiegelbildlich für ein ganzes Zeitalter und seine Generation steht. Vor 30 Jahren war der Gedanke an einen Computer im heutigen Sinne undenkbar, und meine Generation ist damit aufgewachsen, spielerisch damit groß geworden und für uns ist die Technologie und ihre Vorzüge, aber auch ihre Nachteile nicht mehr weg zu denken. Spott der älteren Generation gegenüber, allerdings auch ein wenig Furcht vor den Generationen die nach uns kommen, die all das für das und an dem wir Jahre lang gewartet und gearbeitet haben, mit der Muttermilch aufnehmen.
Aber das interessiert nicht, man blickt nach vorne — nein — eigentlich blickt man weder nach vorne noch nach hinten, man ist einfach. Dasein als Status, Beschäftigung und Berechtigung. Natürlich gibt es verschiedene Charaktere im IRC, die auch zu verschiedenen Formen von Freundschaft oder Feindseligkeit führen, aber im Grunde genommen ist das alles wenig von Bedeutung da man eher nebeneinander als miteinander “lebt”. Man toleriert das Meiste, hat niemandem gegenüber eine Verpflichtung und ist in seiner Persönlichkeitsentfaltung nur durch seine eigene Phantasie eingeschränkt. Ein wahrhaft wundersamer Ort, aber es ist wie gewöhnlich einfach nicht alles Gold was glänzt.
Wenn die Sonne aufgeht, wird der Rolladen heruntergelassen. Sonnenstrahlen tun weh in den Augen. Zu hell, zu grell — schmerzhaft ungefiltert.
In der Anderen Welt gibt es sowas nicht, nicht so stark jedenfalls. Unangenehmes wird gefiltert, Unerwünschtes zuverlässig ignoriert. In der Anderen Welt gibt es keine Rolladen, dort herrschen andere Gesetze und Regeln. Alles ist extremer, es gibt einfach mehr von allem; vor allem mehr Filter. Eine Sonne gibt es dort nicht.
Wenn der Magen knurrt wird etwas gegessen, irgendwas; Hauptsache Kohlenhydrate und Sättigungsgefühl. Fettiger Zucker und gezuckertes Fett werden bevorzugt, dann noch Salziges und koffeinhaltige Getränke.
Wer sich in die Andere Welt begibt, muss mitrennen, denn sie wartet nicht. Wer zurückbleibt, verliert. Die Kommunikationselite kümmert sich nicht um das Gestern. Was heute zählt ist das Übermorgen. Die Andere Welt ist immer um Riesenschritte voraus und vergrößert den Abstand ständig. Die Beschleunigung nimmt zu, immerzu angetrieben von der Suche nach Neuem: Technik, Information, Pornografie.
Wenn man zu müde ist zum Tippen, liest man einfach mit und hört Musik und spielt einfache, süchtig machende Spiele. Nach ein paar Stunden kommt der zweite Atem, dann ist man wieder fit. In der Anderen Welt gilt: “Schlafen kannst du wenn du tot bist”. Beständige Präsenz als Existensgrundlage, fast schon als Selbstzweck.
(Gefilterte) Informationen aufsaugen, filtern, weitergeben. über das Leben in der einen und in der Anderen Welt reden. Wer in der Anderen Welt zu viel über die eine Welt redet, erzeugt das Gefühl der Ablehnung. Jeder kann wählen, wo er hinwill; gefällt es einem nicht, so geht man woanders hin. Aber es ist nicht richtig sich zu beklagen, denn das hat keine Konsequenzen. Stattdessen STFU und über Wichtigeres sinnieren.