solidarität

Bild von housetier

Katastrophe, Kasteiung, Karthasis

(Mehrstündiges Gedankenprotokoll vom 2.1.2007)

Wie schaffe ich es, aus meinem Zwang auszubrechen? Ist das Gefühl der Sicherheit, das meine vertraute gewohnte Depression mir gibt, tatsächlich größer/stärker als die Möglichkeiten einer Beschäftigung? Was ist los: Wenn mir der Atem stockt und schier das Herz stehenbleibt; Wenn ich nachts aufschrecke, panischen Herzschlag im Hals spüre und gierig nach Luft ringe? Warum denke ich so oft an Selbstmord mit Zeichen-Setzung, warum klammere ich mich dennoch an meine Existenz? Es kommt immer in einer Art von Anfällen über mich. In solchen Momenten kann ich meine Gefühle nicht beschreiben, kann sie nicht aussprechen. Die Hemmung setzt ein in der Hand; wandert über den Arm zum Herz, welches prompt aus dem Takt gerät; erreicht das Gesicht, den Mund geöffnet zum scharfen Einatmen und schreiendem Ausatmen; und kommt schließlich im Gehirn an, welches den Schrei unterdrückt. Stumm bin ich, ertrinke in der Flut und unter Wasser kann man nicht schreien. Wo ist der Boden, wann ist der Tiefstpunkt erreicht, ab dem es nur noch aufwärts gehen kann?! Was lässt mich strampeln und treten, Anträge ausfüllen und in Reihe anstellen? Was hindert mich, zu explodieren, gewaltsam auszuschlagen, zu treffen, zu verletzen, egal wen und wie schwer, Hauptsache, ich habe etwas bewirkt? Ist es schon soweit, dass ich meine, nur noch mit roher Gewalt etwas bewirken zu können? Bin ich so bedeutend, so wichtig, dass ich etwas bewirken muss? Bewirke ich und bemerke es nicht? Scheinbar gefangen in einem Teufelskreis, der doch eine immer schneller drehende Spirale in den Abgrund ist: kein Geld -> kein Essen -> keine Arbeit -> kein Geld -> kein Dach überm Kopf -> keine Hoffnung -> keine Motivation -> kein Selbstwertgefühl -> keine Hilfe -> ... Ich belüge mich schon selber so überzeugend wie Andere, dass ich verlernt habe zu vertrauen. Die Anstrengung zehrt mich auf, mir und anderen einzureden, es ginge schwierig und beschwerlich irgendwie voran. Ich habe schon wieder abgenommen, obwohl ich versuche regelmäßig zu essen. Ich glaube, ich brauche Hilfe; aber gleichzeitig denke ich, dass ich mir Hilfe nicht leisten kann und schon bin ich fassungslos ob der zynischen, turbokapitalistischen Welt in der man sich selber hilft und sonst keiner. Der Neoliberalismus beschert uns die Freiheit, alles zu verlieren, auch das was im GG steht: die Würde. Was ist würdevoll daran, obdachlos zu werden, weil zuerst gewisse Formalien eingehalten werden müssen bevor ein Antrag auch nur in die Hand genommen wird? Die Formalien benötigen nämlich würdevolle Bearbeitungszeit; Zeit, in der die Notlage der Vermieter größer wird und sie die Wohnung an einen anderen vermietet müssen, da sie sonst ihre Würde ebenfalls verlieren und dann in der Menge der zahlreichen stimmlos gelähmten Würdelosen untergingen; in der Menge, aus der sie mich durch Solidarität befreien wollten. Ein kleiner Schritt nur, eine winzige Stufe, auf der ich wieder Tritt fassen könnte, ein Absatz, auf dem ich mich sammeln und von dem aus ich weiter schreiten könnte. “Die Würde des Menschen ist unantastbar“, sagt das GG; “...es sei denn, es geht um Solidarität“, sagen die Neoliberalen, Neokapitalisten, Neofaschisten. Neofaschismus nach Hartz: nicht mehr als angeblich überlegende Rasse eine angeblich minderwertige vernichten, sondern als wohlhabende Klasse die Situation der Wenighabenden derart verschlimmern, dass sie nicht mal mehr die Kraft haben, solidarisch zu sein, weil ihre ganze Energie aufgebraucht wird um satt zu werden. “Erst kommt das Fressen, dann die Moral”, dies wird gnadenlos ausgenutzt. Die modernen Sklaven sind zahlreich aber schwach, ihre Abhängigkeit ist noch zu groß; ihre Welt wird härtzlich klein gehalten, damit sie nicht sehen, schon gar nicht den Nächsten; damit sie nicht zusammenkommen und ihre Stimmen gehört werden müssen. Es scheint politisch gewollt zu sein. Der Schein trügt: längst wird die Politik benutzt, um neoliberale Vorstellungen in Gesetze und Verordnungen zu gießen. Seit Jahren wird “der Markt“ neoliberalisiert, immer unter der Drohung, dass die Konzerne abwandern würden und so Arbeitsplätze verloren gingen. Die Konzerne sind jedoch schon lange abgewandert und belohnen sich für ihre Unverschämtheit mit (politisch versteckter und durchgesetzter) Steuerfreiheit. Auch hier keine Solidarität. Die Arbeitsplätze sind ebenfalls verloren gegangen, kaum dass die Konzerne der Politik befohlen hatten die staatliche Form der Solidarität, den Sozialstaat also, abzubauen. So konnten die Frischentlassenen sich nicht einmal beschweren, da ihre Mägen lauter knurren als ihre Stimmen rufen können. Die Politik in Deutschland wurde zuerst verarscht (entweder Sozialabbau sonst Arbeitsplätze weg), dann vergiftet (indem weisgemacht wurde, der Staat könne nichts tun) und schließlich wurde es den Betroffenen in die Schuhe geschoben (sie seien schließlich selbst Schuld an ihrer Situation). Systematisch wird hier die Solidarität auf allen Ebenen ausgehebelt, getilgt.
(...)
4 Stunden später: soeben bin ich zurück von einem 1-stündigen Spaziergang, der in zweierlei Hinsicht kurzfristige Linderung brachte: zum Einen spürte ich 1 Stunde lang keinen Juckreiz an den Fingern, Handgelenken, am Hals, auf der Kopfhaut, in den Kniekehlen, am Bauch und den Oberschenkeln; zum Anderen drehten sich meine Gedanken 1 Stunde lang nicht im zuvor erwähnten Teufelskreis. Das Ausbleiben des Juckreizes kann ich mir nicht so leicht erklären, durchaus aber die Veränderung der Gedankengänge: Wenn ich unterwegs “in Bewegung” bin, nehmen die Augen (und damit das Hirn) ständig andere optische Reize auf, die ständig Assoziationen verschiedener Heftigkeit hervorrufen. Der äußere Reiz, oder das Verarbeiten des Selben, überbrüllt meine inneren Schreie, die ja nach außen stumm bleiben. Auf diese Art habe ich für kurze Zeit Ruhe vor mir selber, ich nehme eine Auszeit und kann mich geistig erholen auf eine Weise, die der kurze unruhige Schlaf nicht bietet. Ich bin jetzt gefasster und schreibe langsamer, springe weniger hin und her. Es hat sich auch eine leichte Ermüdung dazugestellt, der ich aber erst nachgeben werde, wenn sie zur Erschöpfung geworden ist, wenn ich fast im Stehen einschlafe. Ich finde kaum etwas so schlimm wie müde im Bett zu liegen und nicht schlafen zu können vor lauter Gedankenraserei, vor lauter Geschrei, dieser Kakophonie der Unsicherheit. Durch den Aufbau meines alten vertrauten Schreibtisches (vor vielen Jahren getausch für eine PC-Arbeitsstation aus lackiertem Stahl und dickem Glas) falle ich teilweise zurück in alte Gewohnheiten. Ich trinke wieder mehr Tee aus den vetrauten Tassen; stelle diese auf den vertrauten Untersetzer in Form einer CD-Hülle für Original Microsoft Works, dessen Echtheitszertifikat ich absichtlich in langsamer Kleinarbeit mit den Unterseiten der Tassen durchscheure. Überhaupt ist der Schreibtisch vertraut und anders. Vertraut ist sein Aussehen und Aufbau: Schubladenelement links, Türelement rechts, beide Elemente mit Teppich bedeckt, um für farbliche Abwechslung zu sorgen. Vertraut ist er mir in seiner ursprünglichen, eigentlichen Funkton als Tisch, an dem ich schreibe. Dieser Schreibtisch stellte jahrelang das Zentrum meiner Wach-Aktivitäten dar. Hier habe
ich gegessen, Filme geschaut und “am allerwichtigsten “mit anderen per Email oder IRC kommuniziert. Dieser Schreibtisch ist sehr sehr wichtig und dennoch habe ich ihn einige Monate nicht benutzt (nicht benutzen können). Er ist anders (geworden). Zuvor stand er unter meinem Hochbett. Man konnte am Schreibtisch nur sitzen; aufrecht stehen war nur kurzen Menschen möglich. So war der Schreibtisch von jeher ein Ort an dem alleine war. Wollte ich mit Freunden eine DVD auf dem Laptop gucken, stellten wir den Laptop immer au den niedrigen Couchtisch. wovor wir dann irgendwie alle Platz fanden auf dem Sofa. Der Laptop ist jetzt zugeklappt und ausgeschaltet und zur Seite geschoben. Er funktioniert noch, zum Glück! aber ich habe zur Zeit kein Internet und daher ist er nur noch als Schreibmaschine zu gebrauchen. Dies ist übrigens ein weiterer Unterschied, der mir auffällt: Ohne Internet und ohne Telefon ist der Schreibtisch mit Laptop keine Kommunikationszentrale mehr. Ich finde hier nicht mehr Anschluss nach draußen. Das ratlose und losrasende Hirn muss sich mit sich selbst beschäftigen; kein äußerer Reiz wie ein Spruch, eine Beleidigung, eine Frage, ein witziges Bild hält es mehr in der Spur. Ich bin mir völlig ausgeliefert und ich weiß nicht, wie lange ich dies noch durchhalte. Heute habe ich mit Mama telefoniert (sie rief mich auf dem Handy an, damit ich Guthaben sparen kann) und ich konnte meine aufgestauten Gedanken, meine zu Worten kondensierten Stummschreie für eine halbe Stunde über ihr ausschütten. Andere würden sage, dass ich mein Herz (mein Hartz, haha) ausgeschüttet habe, aber so tief sind wir noch gar nicht gekommen. Da warten noch Emotionen darauf, verarbeitet zu werden. Im Gespräch ging es vielmehr um meine Gedanken, um die, die nicht mehr aus meinem Bewusstsein verschwinden. Vorher war Per für einige Tage zu Besuch; er kam an dem Tag an, als Mama auszog. So war ich nicht allein und er lenkte ab. Nach kurzer Zeit fuhr er schon wieder nach Stuttgart zurück. Das Gefühl der Einsamkeit war überwältigend. Aber immer wenn ich kurz davor bin, zusammenzubrechen und in den zuvor erwähnten Fluten zu ertrinken, immer wenn die Lähmung einsetzt und der Atem stockt und das Herz stolpert, immer wenn ich aufgeben will, wird es für einen ganz kurzen Moment dunkel. Meine panische Angst verwandelt sich in etwas, das mich zu “vor allem körperlicher “Aktivität treibt: ich brauche dann ganz dringend Bewegung. Ich denke meine lähmenden Angstzustände und die darauffolgende Aktivität wären nicht so stark, wenn ich eine Arbeit, einen Job, ja sogar eie regelmäßige Tätigkeit hätte. Ich komme mir so ruhelos vor, getrieben von etwas ohne Ziel ohne Zweck ohne Bestimmung. Daher drehe ich mich auch ständig im Kreis, gedanklich zumindest. Meine Schrift wurde immer unleserlicher, daher habe ich den Stift gewechselt. Ergebnis: minimale Verbesserung, die wohl eher zu tun hat mit der Ablenkung durch das Suchen eines Bleistiftes als mit dem neuen Schreibgerät an sich. Hier kommt mein “speziell“ ausgeprägter Ordungssinn zum Vorschein: ich muss/möchte mit dem kürzesten Bleistift schreiben, um ihn aufzubrauchen. Meine Gedanken springen so schnell hin und her, dass ich mir wünsche, ich könnte sie irgendwie auf die beiden Hirnhälften verteilen und jede Hälfte gleichzeitig schreiben lassen. Aber ich vermute, dass so eine “Fähigkeit“ einhergeht mit “Mängeln“ an anderer Stelle. Und so wünsche ich mir nur, schneller schreiben zu können, um die Herden meiner gallopierenden Gedanken zunächst schriftlich einzufangen und danach psychisch zu zähmen. Weil mir Telefon und Internet doch sehr fehlen, überlege ich, wieder mehr Briefe zu schreiben. Oder ich könnte meine Beiträge zu meiner Webseite in Form von Briefen an meinen Vater verfassen und es ihm aufbürden, sie für mich zu veröffentlichen. Das setzt voraus, er hat Lust und Zeit dazu und erkan meine Schreift lesen, die in der Familie auch “Sauklaue“ genannt wird. Briefe zu schreiben käme meinem Mitteilungsbedürfnis entgegen. Ein anderer Teil meiner Selbsttherapie (wie gern wär ich krankenversichert) wird sein, dass ich mich bemühe jeden Tag mit eier mir vertrauten Person zu sprechen, um so den Halt in dieser Welt nicht zu verlieren. Der dritte und schwierigste Teil besteht darin, tagsüber vor die Tür zu gehen und fremde Leute anzusprechen, ob sie nicht Arbeit für mich haben? Die Arbeit wird leicht sein, es ist das Reden, das so erschreckend ist. Scheiß Armut, Scheiß Hartz, Scheiß Depression!

Inhalt abgleichen